Verkehrskollaps anstatt Verkehrsperspektiven 2050?

Medienmitteilung vom 20. November 2021

Das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) hat am 16. November 2021 die Verkehrsperspektiven 2050 veröffentlicht. Zusammen mit dem Sachplan Verkehr stellen sie die strategischen Grundlagen für die weitere Entwicklung der Mobilität in der Schweiz dar. Die präsentierten Zahlen können nur Realität werden, wenn die Kantone und Gemeinden eine nachhaltige Innenentwicklung in der Raumplanung zulassen.

Vollzugsprobleme

Das durchschnittliche Verkehrswachstum des motorisierten Individualverkehrs (MIV) auf den Nationalstrassen betrug zwischen 2009 und 2019 rund 2 % pro Jahr. Gemäss den Verkehrsperspektiven soll der MIV über 23 Jahre nur noch um 3% wachsen, indem eine Siedlungsentwicklung nach Innen umgesetzt werde und Homeoffice eine MIV-Reduktion bewirke.

Diese Annahmen in den Verkehrsperspektiven 2050 sind heute allerdings unrealistisch:

  1. Eine MIV-reduzierende Innenentwicklung wird heute in den kantonalen und kommunalen Raumplänen in der ganzen Schweiz nicht zugelassen. Die Kantone und Gemeinden müssten deshalb in den Raumplänen rasch ein wesentlich höheres Einwohnerwachstum an urbanen Standorten zulassen, damit:
  • die Wege im Alltag − zwischen Wohnen, Freizeit, Beruf und Dienstleistungen − wieder kürzer werden,
  • der Fuss- und Radverkehr erhöht und
  • die MIV-Abhängigkeit reduziert wird.
  1. Es ist aufgrund der untersuchten Mobilitätsdaten ferner mit keiner MIV-Reduktion aufgrund Homeoffice zu rechnen. Die Menschen scheinen den reduzierten Pendlerverkehr durch mehr Freizeitverkehr zu kompensieren.

Mit einem Vollzugsproblem der Verkehrsperspektiven des Bundes ist somit zu rechnen, weil sie nicht automatisch, sondern nur mit erheblichen raumplanerischen Anstrengungen möglich werden.

Die Siedlung bestimmt den Verkehr

Um eine Reduktion des MIV-Wachstums bzw. eine MIV-reduzierende Innenentwicklung sicherzustellen, hätte der Bund den Kantonen sowie Gemeinden deutlich aufzuzeigen, wie die MIV-Entwicklung von der Siedlungsplanung abhängt. Ferner hätte er bei der Genehmigung der strategischen kantonalen Richtpläne und Agglomerationsprogramme einen strengeren Massstab anzuwenden, damit eine Bautätigkeit zur Schaffung v.a. von Wohnraum an urbanen Standorten mit mehr Rechtssicherheit zugelassen wird.

Ursachenbekämpfung anstatt Symptombehandlung

Die in den Verkehrsperspektiven vorgesehene Internalisierung der externen Kosten des Verkehrs (für Gesundheit, Klima, Landschaft, Gebäude etc.) können für nachhaltige Entwicklungen in der Schweiz beitragen. Diese Massnahmen (d.h. die Symptombehandlungen) sind allerdings erst nach der Korrektur des Vollzugsdefizits der Siedlungsplanung (d.h. nach der Ursachenbekämpfung) zu implementieren, da ansonsten falsche Anreize geschaffen und eine induzierte Verkehrsnachfrage sowie eine weitere Zersiedelung gefördert werden.

Wende zugunsten der Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt

Die Stossrichtung der Verkehrsperspektiven 2050 wird vom Verein WALK10min begrüsst. Diese Perspektiven erfordern allerdings eine Korrektur des Vollzugsdefizits in der Siedlungsplanung. Gelingt diese Korrektur, wird eine nachhaltige und somit weniger MIV-abhängige Raumentwicklung in der Schweiz möglich; davon profitieren wir alle: die Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt www.walk10min.world.